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Reisekosten absetzen

Was Sie jetzt zu beachten haben! Neuere Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs eröffnet neue Wege!

Was galt bisher?

Bislang waren Aufwendungen, die sowohl betrieblich/beruflich als auch durch die private Lebensführung veranlasst sind, vollständig dem (steuerlich unbeachtlichen) Privatbereich zuzurechnen. Dies hatte zur Folge, dass nicht nur der privat, sondern auch der betrieblich/beruflich veranlasste Teil der Aufwendungen nicht abziehbar war.

Was ist neu?

Der große Senat des Bundesfinanzhofs (BFH) hat seine jahrzehntealte und stets umstrittene Rechtsprechung zu den gemischten Aufwendungen aufgegeben (Urteil vom 21.09.2009, GrS 1 /06, BStBl II 2010, 672).

Der BFH führt in der Entscheidung aus, dass weder der Wortlaut der entsprechenden Vorschrift im Einkommensteuergesetz noch die steuerliche Gerechtigkeit oder Verifikationsprobleme, noch Gesichtspunkte der Praktikabilität rechtfertigen, daraus ein allgemeines Aufteilungsverbot abzuleiten. Wie jede Rechtsprechungsänderung erfordert auch diese ein Umdenken und führt - für eine Übergangszeit - zu einer gewissen Rechtsunsicherheit, die aber bei Beachtung der nachfolgenden Grundsätze gut zu bewältigen sein wird.

Schritt 1: Gewichtung der Veranlassung der Reise

Zur Ermittlung, ob und ggf. in welchem Umfang die Reisekosten als Betriebsausgaben oder Werbungskosten zu berücksichtigen sind, ist das unterschiedliche Gewicht der verschiedenen Veranlassungsbeiträge zu würdigen.

Beispiel: Bei Wahrnehmung eines beruflichen Termins auf Weisung des Arbeitgebers oder eines dringenden betrieblichen Termins eines Selbständigen können die Kosten der Hin- und Rückreise auch dann in vollem Umfang beruflich veranlasst sein, wenn der Steuerpflichtige den beruflichen Pflichttermin mit einem vorangehenden oder nachfolgenden Privataufenthalt verbindet. Hat er zum Beispiel einen Pflichttermin von Mittwoch bis Freitag in London wahrzunehmen und verlängert er den Aufenthalt aus privaten Gründen bis Sonntagabend, so sind die auf die Verlängerungstage entfallenden Kosten selbstverständlich als Kosten der privaten Lebensführung nicht abziehbar, wohl aber die Kosten für den Hin- und Rückflug nach und von London in voller Höhe.

Soweit der BFH in diesem Zusammenhang noch ausgeführt hat, komme es nicht notwendig darauf an, ob der private Teil der Reise kürzer oder länger ist als der berufliche, so sind diese Ausführungen nur mit Vorbehalt zu bewerten. Bei einer Verlängerung eines beruflichen Pflichttermins von drei Tagen um eine ganze Woche werden sicherlich die Kosten für die Hin- und Rückreise entsprechend den zeitlichen Anteilen aufzuteilen sein.

Im Einzelfall kann diese Gewichtung dazu führen, einen anderen Aufteilungsmaßstab heranzuziehen oder von einer Aufteilung ganz abzusehen.

Schritt 2: Prüfung der (Doppel)Motivation

Bei beruflicher und privater Doppelmotivation ist die steuerliche Berücksichtigung ebenfalls (weiterhin) kritisch zu sehen. Wenn berufliche und private Veranlassungsbeiträge so ineinandergreifen, dass eine Trennung nicht möglich ist, scheidet ein Abzug insgesamt aus, weil es dann an objektive Aufteilungskriterien fehlt.

Beispiele: Touristische Reise eines Religionslehrers durch das Heilige Land
Reise eines Sprachlehrers durch das Land der von ihm gelehrten Fremdsprache
Konzertbesuche eines Musiklehrers

Hierbei handelt es sich insgesamt um private, also nicht abzugsfähige Aufwendungen. Erlebnis- und Urlaubsreisen ohne ein konkretes fachliches Rahmenprogramm, mögen zwar dem Beruf förderlich sein, sind aber nach der allgemeinen Lebenserfahrung sehr stark privat motiviert. Nehmen weitere Familienmitglieder an der Reise teil, kann dies ebenfalls für eine überwiegend privat motivierte Reise sprechen.

Ist die Reise jedoch von einem nicht unerheblichen fachlichen Rahmenprogramm geprägt,  kann die berufliche Motivation in den Vordergrund rücken.  Eine berufliche Veranlassung ist gegeben, wenn die Aufwendungen in wirtschaftlichem Zusammenhang mit der Einkunftserzielung stehen.  Dies ist beispielsweise bei einer Fortbildungs- oder Seminarreihe mit täglich mindestens 6 Stunden Fachvorträgen in einem Hotel gegeben. Während bisher die Frage zu beantworten war, ob der Abzug von Aufwendungen insgesamt ausschied oder insgesamt in Betracht kam (Alles-oder-nichts-Prinzip), ist nun zu klären, ob und in welcher Höhe ein Teil der Aufwendungen als beruflich veranlasst anerkannt wird. Dazu ist der Sachverhalt umfassend aufzuklären.

Tipp

Der Steuerpflichtige hat dabei die berufliche Veranlassung im Einzelnen darzulegen und nachzuweisen. Der Dokumentation der Teilnahme an Fachveranstaltungen, Kongressen oder Vorträgen kommt damit besondere Bedeutung zu. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Veranstaltung an beliebten Urlaubsorten (z. B. Skigebieten) oder an Bord von Kreuzfahrtschiffen stattfinden. Finanzamt und Finanzgericht dürfen sich in der Regel nicht allein auf die Darstellung des Steuerpflichtigen stützen. Bleiben gewichtige Zweifel daran, ob den als Betriebsausgaben oder Werbungskosten geltend gemachten Aufwendungen eine berufliche Veranlassung zugrunde liegt, scheidet ein Abzug aus. Zweifel gehen zulasten des Steuerpflichtigen.

Was gilt weiterhin?

Unverzichtbare Aufwendungen der privaten Lebensführung sind nicht aufteilbar und damit auch weiterhin nicht steuerlich abziehbar. Betroffen sind beispielsweise Aufwendungen für eine Brille, für bürgerliche Kleidung, für Gesundheitsaufwendungen und Ausflüge.

Nach dem BFH-Urteil vom 19.01.2012 (VI R 3/11) gelten auch die bisherigen Grundsätze zur Anerkennung von Auslandsgruppenreisen fort. Neben einer fachlichen Organisation ist es danach für eine berufliche Zuordnung notwendig, dass das Programm auf die besonderen beruflichen Bedürfnisse der Teilnehmer zugeschnitten und der Teilnehmerkreis im Wesentlichen homogen ist.

Fazit

Kann auf einer Reise die Befriedigung privater Interessen aufgrund eines Fachprogramms (Fortbildung, Vortrag, Forschungsauftrag etc.) weitgehend ausgeschlossen werden, besteht eine berufliche Veranlassung und ist eine Aufteilung nach objektiven Kriterien möglich ist, können die Aufwendungen für steuerliche Zwecke neuerdings aufgeteilt werden. Fehlt es an objektiven Aufteilungskriterien, kann nach den Umständen des Einzelfalls geschätzt werden.

Beispiel für eine Fortbildungsreise:

  • An-/Abreise: voll, wenn (gezielte) Fortbildung der Reise das Gepräge gibt
  • Unterkunft: Aufwendungen für ein Einzelzimmer
  • Verpflegung: Pauschbeträge (kein Einzelnachweis möglich)
  • Seminargebühr: in jedem Fall voll absetzbar

Wir beraten Sie gerne und vertreten Ihre Interessen gegenüber dem Finanzamt, vor dem Finanzgericht und vor dem Bundesfinanzhof.